DO NOT TRACK! Eine Polemik zum Thema Webanalyse und Datenschutz

Es ist Rosenmontag und ich sortiere gerade die anstehenden Dinge für die kommende Woche. Vom gestern wirkt noch die Lektüre der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung nach (9./10. Februar 2013), die ich sogar noch in Papierform lese. Helmut Martin-Jung schreibt dort über unsere Spuren im Netz. Korrekterweise geht es nicht nur um Spuren, die wir beim Surfen im Internet hinterlassen, sondern um die Spuren der digitalen Kommunikation insgesamt: beim Einkauf mit Kredit- oder EC-Karte, bei der Benutzung unseres Handys, beim Schreiben von Emails oder bei der Autofahrt mit dem Navi. Georg Orwell lässt grüßen.

Ergänzend zum Artikel werden Tipps gegen die Datensammlwut geliefert (ob diese Empfehlungen mit den Kollegen der Online-Abteilung der Süddeutschen abgestimmt waren?). Die beziehen sich dann einzig und allein auf das Surfen im Internet. Unter anderem wird die Nutzung der inzwischen bei den gängigen Browsern verfügbaren Funktion Do not track angeraten. Je nach Umsetzung der sogenannten EU Cookie Directive muss ein solcher Button zum Deaktivieren des Trackings bald auf jeder Webseite prangen. Wie das aussehen wird, kann man sich bereits bei vielen niederländischen oder britischen Webseiten ansehen.

Die Diskussion um die bösen Cookies ist so alt wie das Internet selbst und die Frage, ob die kleinen Textdateien, die ein Browser auf die Festplatte eines Bentuzer schreibt, die Privatshpäre verletzen, erhitzt seit bald 20 Jahren die Gemüter. Dabei spielt es in dieser Diskussion kaum eine Rolle, was wie lange in diesen Textbröseln gespeichert wird und wozu. Von der Unterscheidung der First und Third Party Cookies ganz zu schweigen.

Wozu also das Ganze? Betreiber einer Webseite oder eines Onlineshops möchten gerne wissen, was auf Ihrer Webseite so los ist. Es geht darum, wie viele Besucher zur Webseite kommen, woher sie kommen, welche Inhalte oder Produkte sie sich ansehen und, wo die Besucher auf dem Weg zu einem vorgegebenen Ziel, zum Beispiel ein Verkauf, verloren gehen. Alles dient dazu, die Webseite zu optimieren und, ja man muss es einfach aussprechen, um mehr Geschäft zu machen (in Deutschland komischerweise ganz verpönt). Was Lieschen Müller oder Hans Wurscht als Individuen so treiben, das interessiert auf gut Deutsch kein Schwein!

Etwas anders sieht es aus, und da ist die Datenschutzdiskussion sehr wichtig, wenn die Benutzer Webseitenübergreifend überwacht und verfolgt werden sollen. Da kommen vor allem die Third Party Cookies ins Spiel und deren Einsatz kann man durchaus kritisch sehen. Aber solche Feinheiten werden erst gar nicht angesprochen. Zu kompliziert? Von einer ausgewogenen Berichterstattung jedendfalls keine Spur: Für Onlinehändler wäre es schon schön zu wissen, welches Werbemittel letztendlich auf welcher Webseite wie gut funktioniert und die meisten Kunden bringt. Das hilft enorm, ein meist begrenztes Marketingbudget möglichst effektiv einzusetzen.

Während man über den Einsatz von Cookies diskutiert gibt es bereits andere Technologien, wie das sogenannte Fingerprinting, die den Einsatz der verrufenen Cookies überflüssig machen, für den Benutzer aber längst nicht mehr so transparent sind wie gefürchteten Cookies. Außerdem haben die großen Monopolisten im Internet wie Amazon (Handel), Apple (Musik), Google (Suche) oder Facebook (soziale Netzwerke) durch die Vielfalt ihrer angebotenen Dienste ideale Voraussetzungen, personenbezogen Nutzerprofile zu erstellen und zu nutzen. Ob und in welcher Form sie dies tun bleibt dem Nutzer verborgen. Hier wäre meiner Ansicht nach die Politik gefordert, Rahmenbedingungen im Sinne der Nutzer vorzugeben.

Diese Firmen entziehen sich aber der nötigen Transparenz, niemand hat Einblick, was mit den Nutzerdaten letztendlich geschieht. Dazu kommen Heerscharen von Juristen und Lobbyisten, um die Gesetzgebung in den einzelnen Ländern in ihrem Sinne zu beeinlussen. Die Politik richtet ihr Augenmerk dann auf die kleinen Onlienhändler, da lässt sich noch etwas ausrichten und alleine das Drohen mit der Abmahnkeule bewirkt Wunder. Ich habe von keinem Onlineshop gehört, der nicht pünktlich zum 1. August 2012 die Beschriftung seines Bestell-Buttons auf »Kaufen« geändert hatte. Alle Kunden von Onlineshops, die bisher davon ausgingen, dass sie die Ware der Onlineanbieter geschenkt bekommen, dürften sich gewundert haben, dass sie nun auch für die Ware bezahlen müssen. Dank Frau Aigner ein herber Schlag gegen die zahllosen Kriminellen im Internet.

Und damit kommen wir zur Politik. Statt die großen Monopolisten in die Schranken zu weisen und mehr Transparenz bei der Datensammelei einzufordern, gehen die Überlegungen der Regierungen eher in die Richtung, wie sie an die Datenschätze dieser Firmen herankommen um sie gleich mit zu nutzen. Egal ob Diktatur oder demokratische Regierung, die Verlockungen der internetbasierten Technologien sind zu groß. Egal ob Flugreisender oder Internetnutzer, alles wird gespeichert und aufbewahrt, man weiß ja nie wozu die Daten mal gut sein könnten, Islamisten und Pädophilen sei Dank (Rechtsradikale werden in Deutschland allerdings von der allumfassenden Beobachtung ausgenommen, da greifen die Argumente des Datenschutzes). Einer Meldung der Süddeutschen vom gleichen Wochenende zufolge, soll die DNA eines 14-jährigen, der einer Klassenkameradin einen Knutschfleck aufgenötigt hat, in die Datei für Sexualstraftäter aufgenommen werden. Die vorbeugende Datensammelwut zum Wohle der Bürger kennt keine Grenzen mehr.

Aber zurück zur Webanalyse: bevor der deutsche Mittelständler also die Segnungen des Onlinemarketings und der digitalen Analyse begriffen hat und für seine Interessen nutzen könnte, wird ein Großteil dieser Technologien bereits auf dem Index gesetzt und in den Giftschrank verbannt. Wozu das Ganze auch noch? Haben doch einige wenige, amerikanische Firmen den digitalen Markt bereits unter sich aufgeteilt. Kaufen wir also weiter über Amazon, nutzen Google für die Suche, laden unsere Musik über iTunes von Apple herunter und posten unser Intimstes bei Facebook. Und folgen dem Rat des Papiertigers von der Süddeutschen Zeitung und verweigern allen anderen unsere Daten. DO NOT TRACK!

Und gerade zum Trotz: Buchtipps zum Thema Webanalyse (Affiliate-Links):

1 Kommentar

  1. Ich verstehe die Panik um die Datenschutz im Netz noch immer nicht.
    „Was Lieschen Müller oder Hans Wurscht als Individuen so treiben, das interessiert auf gut Deutsch kein Schwein!“ GENAU.
    Online will sich jeder schützen und jede Ansammlung von Daten verhindern. Jedoch kümmerst sich offline keiner um den Schutz der eigenen Daten. Das wirkliche Datenschutzproblem haben wir in Deutschland leider offline: die Städte dürfen die privaten Daten an Werbefirmen verkaufen. In diesem Fall geht es um die genauen Daten von Lieschen Müller und Hans Wurscht. Wer Widerspruch hierfür einlegt hat Pech, denn Widerspruch zählt nichts, wenn die Daten, wie es im neuen Gesetz heißt, „ausschließlich zur Bestätigung oder Berichtigung bereits vorhandener Daten verwendet werden“.

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