Der deutsche Handel entdeckt den eCommerce

In den letzten Jahren hatte man oft den Eindruck, eCommerce beziehungsweise der Onlinehandel geht an Deutschland vorbei. Nicht auf Seiten der Käufer, die inzwischen ohne Scheu und mit zunehmender Begeisterung im Internet einkaufen, sondern auf Seiten der Anbieter.

Heute widmet die Süddeutsche Zeitung (SZ) in ihrem Wirtschaftsteil der Printausgabe dem Onlinehandel eine großen Artikel: „Zukunft liegt in vielen Kanälen“ (3. August 20112). Der Onlinehandel erreicht also auch hier in Deutschland endlich den Mainstream! Dieser Artikel hätte aber meiner Ansicht nach gut und gerne vor 5 Jahren, wenn nicht sogar noch früher, erscheinen müssen. So hatte ich erst vor wenigen Tagen auf dem eCommerce Fachblog excitingcommerce.de einen Kommentar eines anderen Lesers entdeckt, der sinngemäß auf einen Blogbeitrag zur Situation in Deutschland antwortete, dass sich all die Mühen eh‘ nicht lohnen, es gibt doch Amazon und die haben alles und es klappt vor allem, wenn man dort bestellt.

Nach den medienwiksamen Pleiten von Quelle und Neckermann könnte man also den Eindruck gewinnen, dass der Markt eh‘ schon den Amerikanern gehört und sich jede Anstrengung damit nicht mehr lohnt. Aber die Situatuion bei den deutschen, traditionsreichen Katalogversendern halte ich für symptomatisch bezogen auf die gesamte Branche: das Internet wurde viel zu lange als Bedrohung, nicht als Chance wahrgenommen. Und die doch recht erfolgreiche Onlinesparte bei Neckermann zeigt auch, dass man auch als Versender in Deutschland im Intenret Geld verdienen kann. Die Kollegen bei Neckermann wurden einfach nur Opfer der Traditionalisten in ihrem Unternehmen: Wenn wir untergehen, dann sollen alle untergehen.

Schaut man sich aber die prognostizierte Entwicklung des Internethandels in den nächsten Jahren an, so kann und darf es gar nicht sein, dass man von diesem Kuchen nicht wenigstens einen Teil abhaben möchte. So zitiert die SZ in ihrem Artikel Studien, die ein Wachstum des Onlinemarktes von derzeit 21 Mrd. Euro auf 30 Mrd. bis zum Jahr 2015 (!) vorhersehen. Diese Daten stammen von der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC). Der Handelsverband Deutschland geht bereits 2011 von einem Volumen des Onlinehandels von 26,1 Mrd. Euro aus. Dabei liegen die Anteile des Onlinehandels gegenüber dem stationären Handel noch in überschaubaren Größenordnungen: einstellige Prozentbereiche. Man ahnt das Wachstumpotential der nächsten Jahre. So sollen in einzelnen Branchen bis 2020 Anteile von bis zu 20% erreicht werden, die über den Internethandel bedient werden (Aussage eWeb-Research-Center von der Hochschule Niederrhein).

Wenn der deutsche Handel diese Marktanteile nicht komplett abgeben möchte, dann sollten viele Firmen langsam „in die Gänge kommen“. Denn eCommerce ist nicht zwingend gleichbedeutend mit Amazon, es gibt zahlreiche Alternativen wie Direktvertrieb von Produzenten, Teilnahme an Marktplätzen oder einfach nur den eigenen Onlineshop als Ergänzung zum stationären Ladengeschäft oder Filiale. Eine Diversifiktaion des Angebots muss dabei nicht auf die Produkte beschränkt bleiben, sondern kann sich auch auf die vielen, sich neu entwickelnden Vertiebskanäle beziehen, Stichwort Mobile Commerce. Allerdings sind Ideen, Kreativität und unternehmerisches Risiko gefragt.

In meinem Gespräch mit Jochen Krisch habe ich mich erst letzte Woche mit ihm die Situation diskutiert. Jochen Krisch ist Betreiber des Blogs excitingcommerce.de und Autor des Buches „eCommerce für Fortgeschrittene – 50 Denkanstöße für den Onlinehandel von morgen“. Seine Ansichten und Antworten zur aktuellen Situation können Sie sich über meinen eBusiness-Podcast anhören. Sie finden die Episode frei verfügbar unter:

Episode 19: Jochen Krisch (excitingcommerce.de) über die eCommerce-Konferenz K5

Mein Lesetipp (Affiliate-Link)

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